Weihnachtsshopping – ein Sozialexperiment
Es ist Krieg. Denn in den Köpfen der Menschen scheint eine vakuumsgleiche Windstille zu herrschen.
Wie jedes Jahr um diese Zeit treibt die Menschheint eine der hausgemachtesten Problemstellungen ihrer Geschichte um die sich in 21 Wörtern (in diesem Falle richtig da damit die kleinste Satzeinheit gemeint ist) zusammenfassen lässt: Was in aller Welt schenke ich nur meinen Freunden, Arbeitskollegen, Eltern, meiner Familie und dem ganzen restlichen, materialistischen Teil meiner Bekanntschaften? Als unglücklicher Teil dieser Menschheit sah ich mich gezwungen, meinen Hort der sozialen Ruhe, ich möchte fast sagen der Eremitage, zu verlassen um Schlachten um Straßenbahnplätze und Konsumgüter mit glühweinbefüllten Intelligenzglühwürmchen und anderen Gesellschaftsmitgliedern zu schlagen. Aber eins nach dem anderen.
Meine Liste beschränkte sich auf 4 Dinge, die in höchstens 4 verschiedenen Einkaufsaustragungsorten zu erhalten sind. Ich gebe zu, spät am Samstagabend in der Schildergasse aufzukreuzen war auch nicht meine persönliche Bestleistung an diesem Tage, doch der Mensch ist leider nunmal ein sensationsgeiler Instinktgetriebener der das Grauenvolle liebt. Ähnlich fasziniert wie bei einem Verkehrsunfall, bei dem man nicht wegschauen kann, habe ich mich in die hirnlose Masse gestürzt.
Das erste, was einem mit brettharter Brutalität vor die Stirn geführt wird, ist die scheinbare Fähigkeit anderer Individuen, die Existenz und das Zeitempfinden (geschweige denn die Zeitnot) wiederum anderer Individuen mit erschreckendem Nachdruck ablehnen zu können. Dort geht eine Gruppe in phalanxähnlich komplett ausgestreckter Front auf dem Bürgersteig entlang und walzt alles mit was sich ihr in den Weg stellt. Die Möglichkeit zwischen den Teilnehmern dieses Todeskommandos hindurchzuschlüpfen wird von den Frauen desselben zerschlagen, indem diese ihre mit Tüten bis zur körperlichen (an die geistige wage ich nicht zu denken) Überlastung beladenen Männern an strategisch wichtigen Punkten der Angriffslinie positioniert haben. Diese armen Gestalten müssen dann blind vor Esprit- und Galeria Kaufhof-Tüten, -taschen und -boxen über völlig vereiste Gehwege stolpern. Galeria Kaufhof.
Dieser Laden war zugegebenermaßen einer meiner großen Hoffnungs-, wie sich später jedoch herausstellte nur ein unterdurchschnittlicher Leistungsträger. Das Potenzial bestand, dass ich alle meine Besorgungen in diesem Geschäft tätigen konnte. Was kam war eine endlose Anneinanderreihung von Hitze, Rolltreppenerstbenutzern und Angestellten die in einer Heilanstalt für Mentalentgleiste vermutlich für ihre Dummheit ausgelacht worden wären.
Zunächst scheint das Erdgeschoss, wie das andere schon vor mir bemerkten, aber das persönliche Erlebnis ist um vieles Schlimmer, ausschließlich aus Miniaturperfümständen mit krossgetoasteten und christbaumähnlichgeschmückten Verkäuferinnen und Verkäufern zu bestehen. Das metaphorische Brett schnellt, nachdem es seine Spuren schon auf des Erzählers Stirn hinterließ, auf das Riechorgan. Glücklicherweise hatte ich noch Kopfhörer aufgesetzt, aus denen entspannende Musik erklang; sonst hätte ich vermutlich noch Wham aus den Lautsprechern gehört. Diese fataltraumatische Mischung aus Gestank in der Nase und Gülle in den Ohren hatte sich mir einmal zuvor im Berliner KaDeWe aufgedrängt – noch heute wache ich schweißgebadet auf wenn ich davon träume. Doch zurück zur Katastrophe der Gegenwart:
Da war ich also auf der Suche nach einem Buche von dem ich, in Weiser Vorbereitung, mich nur noch an den Titel erinnern konnte. Jedoch sollte das in einer modernen und vernetzten Welt, wie wir sie die unsere nennen können, ein leicht zu überwindendes Problem sein. Da zur Weihnachtszeit prinzipiell alle Verkäufer und -innen nicht im Dienst sein zu scheinen müssen hat es mich auch nur den Bruchteil eines Menschenlebens gekostet, eine zu finden. Ob da nicht der Leonardo Di Caprio mitgespielt hätte, fragt sie. Dass der in Büchern vorkäme sei mir neu, erwiderte ich, woraufhin sie verstand dass ich nach einem Buch suche. Leider ist der Buchtitel sehr allgemein und auf eine Datenbankabfrage meinte die nette Frau, sie könne mir so leider nicht helfen, da sie 150.000 Ergebnisse bekäme. Auch wenn ich es nur grob schätzen kann, aber selbst die Summe aller Buchseiten in diesem Geschäft kann diese Zahl nicht überschritten haben. Da sie leider auch kein Internetzugriff hätte könnte man auch leider weder das Cover (an welches ich mich auch noch dunkel erinnern konnte) noch den Autor nachschlagen. Ich solle doch mal hoch zu “den Jungs von den DVDs” und schauen ob es nicht eine DVD nach dem Buch gäbe auf dem hinten eine Referenz zu dem Buch stünde. Freundlich nickend und innerlich gevierteilt verließ ich dann den Stand und fuhr tatsächlich hoch zu den digitalen Unterhaltungsmedien, jedoch nicht um dem Ratschlag der Verkäuferin zu folgen sondern vielmehr um nach dem zweiten Eintrag auf meiner Liste zu suchen.
Nun sind die DVDs in der vierten Etage und es führen Rolltreppen dort hin. Mittlerweile ist die Temperatur in meiner Jacke auf kurz über dem Siedepunkt gestiegen und ich will mich beeilen. Dass es kurz vor Ladenschluss war schien niemanden außer mir merklich in seinen Handlungen zu beschleunigen. Menschen stehen auf Rolltreppen auch zu zehnt nebeneinander wenn es geht, Hauptsache es kann niemand an einem vorbei der es etwas eiliger hat. Ich frage mich, wieviel Zeit man in seinem Leben wohl auf Rolltreppen verbringt und sich ärgert, dass die Idioten vor einem sich keinen Zentimeter bewegen.
Endlich oben, gibt es natürlich keinen Terminal mit Suchfunktion (Mediamarkt hat einen, der ist aber scheiße zu bedienen und sagt einem auch nur, ob die DVD prinzipiell erhältlich ist und nicht, ob sie auch im Laden ist) und ich suche mich natürlich tot in der monströsen Auswahl. Wahrscheinlich sind alle Verkäufer damit beschäftigt mein Buch unten zu finden. Natürlich hatte ich kein Glück und die Erkenntnis drängte sich mir auf dass ich, seitdem ich aktiv und willentlich Geschenke kaufen wollte, es sie nie auf Anhieb gab. Man findet nie das was man will, auch wenn es noch so trivial ist.
Nachdem mich dieser Gedanke von dem vorbestimmten Scheiterns meiner Suchaktion überzeugt hat, habe ich das Feld geräumt und bin wieder auf die offene Straße gelangt, auf der man wenigstens nur noch den durch andere verursachten Dummheitsschock erleidet, anstatt diesen in Kombination mit dem Hitzetod. Entmutigt, aggressiv und innerlich kauftot habe ich mich noch durch ein paar Geschäfte, natürlich erfolglos, gekämpft und bin schlussendlich zur Straßenbahn gelangt. Ungleich meiner Erwartung hatte ich diese nicht knapp verpasst, sondern sie fuhr in diesem Moment ein. Diesen Tag für doch noch nicht ganz gescheitert erklärend, mache ich mich auf um rechtzeitig eine der Türen der Bahn zu erreichen. Auf dem Weg dorthin, und es können nicht mehr als 20 Meter gewesen sein, befindet sich jedoch eine übergewichtige Gruppe übergewichtiger Mitarbeiter einer Versicherung, gekennzeichnet durch Firmenregenmäntel, sodass man sich einfacher im Namen der Firma auf dem anliegenden Weihnachtsmarkt von der Gedankenwüste ins Bewusstseinsnirvana trinken kann. Nun ist so ein Bahnsteig nicht gerade breit, im Gegensatz zu den Menschen dort, und wie bereits bemerkt, bemerkten mich diese nicht, geschweige denn meine Absicht, die Bahn zu erreichen. Zugegebenermaßen ein ungewöhnliches Verhalten meinerseits, zumal an einer Haltestelle.
Wundersamerweise gelingt es mir in die Bahn zu diffundieren, nur um dort von einem Propf Zombies aufgehalten zu werden. Man muss sich das vorstellen wie eine Schaf- oder Kuhherde, bis auf dass die Menschen hier keine Glocken aber leider auch imaginäre Scheuklappen tragen denn im Eingangsbereich, und damit dort, wo jeder lang muss, der ein- oder aussteigt, staute sich die Fleischmasse, wohingegen direkt links und rechts daneben in den Gängen eine Menschenleere (und damit meine ich nicht leere Menschen sondern einen Raum mit wenigen Menschen) herrschte, dass mich hier Physik, Chemie und Biologie mit den Gesetzen zum Konzentrationsausgleich arg enttäuscht haben.
Nachdem ich auch diesen Ort überwunden hatte und mich, der gravitatorischen Kraft desselben entfliehend, auf einen der Myriaden von freien Sitzplätzen niedergelassen hatte, setzte ein unheimlicher Strom tütentragender Menschen ein, die mich mit ebendiesen Polyethylentragebehältnissen im Vorbeigehen malträtierten. Da jedoch meine geistige Abstumpfung meine körperliche bereits um Meilen überflügelt hatte, änderte dies an meinem Gemütszustand auch nicht mehr viel.
Die Quintessenz ist leider dass zuviele Leute in dieser Gesellschaft auf geistiger Sparflamme laufen und zu oft Geistesblitze in der Größenordnung mentaler Knallerbsen haben. So möchte ich hier noch eine letzte Anekdote über ein menschliches Phänomen anbringen. Viele Geschäfte haben im Eingangsbereich mehrere Schwingtüren die aus zwei Türen bestehen. In diesen Zeiten des Jahres ist oft nur eine dieser Türen geöffnet, um nicht allzuviel Heizkosten zu fabrizieren. Menschen jedoch vermuten dahinter offenbar den Fakt, dass man nur durch diese eine Tür hineingelangt, was einerseits zu einer wahnsinnige Dränglerei (in England würde das nicht passieren, dort werden Schlangen gebildet, auch an Bushaltestellen an denen der Bus erst in vielen Minuten kommt, garantiert über 50 Meter, ich habe es gesehen), andererseits zu der bequemen Möglichkeit führt, an der verbohrten Masse vorbei durch die angrenzende Schwingtür hindurchzugehen.
Wenn Leute doch nur öfter ihr Hirn und die zweite Schwingtür benutzen würden …